Neuausgabe 2020Anmerkungen zu einem großen Vorhaben Ein Schriftsteller will einer Frau von überglücklichen Zeiten erzählen, die sie miteinander erlebt haben. Seine Berichte sollen Charmaine wie mit Stromstößen anregen, wieder ins Bewusstsein zurück zu finden. Denn sie liegt in tiefem Koma, nachdem sie bei einem Bombenattentat durch die Luft und zu Boden geschleudert wurde.Beim Versuch, sie zu wecken, stellt der Erzähler fest, dass seine Kultur ihm keine Ausdrucksmöglichkeiten bietet, die einem Gespräch über ihre Liebe angemessen wären. „Kein Gott gab mir zu sagen, was mich freute“, gesteht er und meint eigentlich: „was uns freute“.Doch er spricht auch von seiner Zuversicht, dass er die richtige Sprache finden wird. Freilich gelingt ein solches Vorhaben nur wenigen Autoren. Er wagt sich an eine große Aufgabe. Zu überblicken hat er Jahrzehnte, in denen sie vieles erlebt und manches auch durchgemacht haben. Nichts ist vergessen, sagt er – und vergegenwärtigt es an ihrem Koma-Bett.Vorgänge von öffentlichem Interesse sind nur insofern zu berücksichtigen, als ihr gemeinsames Leben davon beeinflusst wurde und Charmaine sich gewiss daran erinnert. Sein Debütroman „Und dann hab ich geschossen“ erschien 1968 in der Reihe rororo-Thriller, damals die beste deutsche Adresse für qualitätsbewusste Kriminalliteratur. In Molsners neuem Roman geht es zwar auch um ein Verbrechen und seine Hintergründe, doch im Mittelpunkt steht eine Liebesgeschichte.In einem Krankenhaus wartet der Journalist Michael Ratys darauf, seine auf der Intensivstation liegende langjährige Geliebte Charmaine, die bei einem Terroranschlag schwer verletzt worden ist, besuchen zu dürfen. Und er erzählt uns – dabei die bewusstlose Frau adressierend – von einer leidenschaftlichen Beziehung, die Ende der fünfziger Jahre an einem Münchener Gymnasium beginnt, als der siebzehnjährige Ratys und die um einige Jahre ältere Deutschreferendarin zusammenfinden, und später, als beide bereits in einem ganz anderen Leben stecken, ihre Fortsetzung findet. Nichts scheint dieser Liebe etwas anhaben zu können, auch wenn sie ohne eine gemeinsame Perspektive im herkömmlichen Sinne bleibt.Michael Molsners deutlich autobiographisch grundierter Roman ist ein von der Aufbruchsstimmung der späten sechziger Jahre inspiriertes Plädoyer für die Freiheit der Liebenden, auch wenn deren Konsequenzen schmerzhaft sein mögen. Er schildert eine konkrete Utopie, die auch durch Korruption und Verbrechen nicht beschädigt werden kann.Am Ende des Buches wird übrigens jemand verhaftet. Der Kriminalfall ist aufgeklärt. Was bleibt, sind die alten Verhältnisse. Und eine unbändige Hoffnung.

  • Taschenbuch : 309 Seiten
  • ISBN-13 : 979-8636151630
  • Größe und/oder Gewicht : 12.85 x 1.98 x 19.84 cm
  • Herausgeber : Independently published (11. April 2020)
  • ASIN : B086Y39V4Q
  • Sprache: : Deutsch